Zur Halbzeit in Brasilien

Von Puerto Plata in der Dominikanischen Republik fliege ich am 25. Juli 2018 mit einer langen Flugverbindung über Miami und Brasilia nach Fortaleza an der Nordküste Brasiliens. Der Flug von Puerto Plata nach Miami hat über eine Stunde Verspätung, wegen eines Unwetters kreist der Flieger dann eine ganze Zeit über Miami und als wir endlich landen, stehen wir fast zwei Stunden in einer Schlange aus Flugzeugen, weil zahlreiche Gates wegen des Sturms geschlossen sind. Und plötzlich verkürzt sich mein angesetzter Aufenthalt von sechs Stunden am Airport in Miami auf weniger als zweieinhalb. Eigentlich immer noch mehr als ausreichend, um einen Anschlussflug zu erreichen, aber letztendlich muss ich tatsächlich zum Flugzeug rennen. Am Flughafen in Miami muss jeder Reisende durch die Passkontrolle, auch wenn man gar nicht in die USA einreisen, sondern sich nur ein paar Stunden am Flughafen aufhalten möchte. Ich reihe mich also in eine endlose Schlange ein und sehe meinen Flieger nach Brasilia schon ohne mich abheben. Bei der späteren Handgepäckkontrolle drängle ich mich dann mit etwas Glück an einer ebenso langen Warteschlange vorbei und steige auf den letzten Drücker in die Maschine. Was für ein großer, umständlicher und träger Flughafen. In Brasilia muss ich mein Gepäck am Band abholen und für den nächsten Anschlussflug nach Fortaleza neu einchecken. Zum Glück klappt das alles super schnell und reibungslos und nach fast 24 Stunden Reise verlasse ich mitsamt meinem Gepäck erschöpft aber glücklich den Flughafen in Fortaleza.

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Flug von Puerto Plata nach Miami mit traumhaften Ausblicken über die karibischen Inseln

Für die ersten Wochen in Brasilien habe ich mich entschieden, in einem Guesthouse als Volunteer zu arbeiten. Für einige Stunden Arbeit am Tag muss ich für die Übernachtung, Frühstück und einen Mittagssnack nichts bezahlen und kann somit etwas Geld sparen. Leider fühle ich mich im ausgewählten Cumbuco Guesthouse nicht besonders wohl. Nach sechs tollen Wochen in Cabarete ist in Cumbuco erst mal alles fremd, im Guesthouse sind drei Angestellte, aber keiner spricht ein Wort englisch. Unsere Verständigung findet mit Händen, Füßen und Google Übersetzer statt. Die Lage zum Kitespot ist sehr gut, ich laufe nicht mal 2 Minuten bis zum Strand. Aber momentan sind noch keine anderen Kiter im Guesthouse und die wenigen anwesenden Gäste sind Familien oder Paare. Ich lasse mich nicht entmutigen und will Cumbuco so wie jedem anderen Ort auf meiner Reise eine Chance geben. Während meiner Arbeitszeit im Guesthouse helfe ich dabei, das Frühstück zu organisieren, die Gästezimmer vor- und nachzubereiten und unterstütze die Angestellten bei allen anfallenden Tätigkeiten.

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Ausblick über den kleinen Ort Cumbuco und den Kitespot

In Cabarete in der Dominikanischen Republik lernte ich Alon aus Israel und Jamie aus England kennen. Beide sind zufällig fast zeitgleich wie ich ebenfalls weiter nach Cumbuco gereist und ich freue mich darauf, die beiden hier in Brasilien wieder zu treffen. Alon schreibt mir, dass er im Bada Hostel wohnt und lädt mich ein, am Abend vorbei zu schauen. Das Bada ist ein kleines Hostel in Cumbuco mit vier Schlafsälen und insgesamt 20 Betten. Es gibt einen schönen großen Garten mit Pool, Liegestühlen, Hängematten und großen Sitzsäcken. Die Atmosphäre ist total schön und es gefällt mir unglaublich gut. Bisher sind nur ein paar Leute im Hostel, weil die Kitesaison erst ganz am Anfang ist. Alle sind super herzlich und offen und ich komme leicht mit allen ins Gespräch. Lucy, die das Hostel leitet, erzählt mir, dass sie nach einem Volunteer sucht und ruckzuck ist mein Entschluss gefasst, dass ich vom Cumbuco Guesthouse ins Bada Hostel wechseln möchte. Mit etwas schlechtem Gewissen gebe ich im Cumbuco Guesthouse Bescheid, packe meine Sachen und beziehe eines der Betten im Bada Hostel. Plötzlich bin ich hier in Brasilien angekommen. Ich fühle mich im Hostel wohl, ich mag die anderen Kiter, ich war die ersten Male auf dem Wasser und spüre, dass mich in Brasilien eine tolle Zeit erwartet.

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Bada Hostel

Cumbuco ist ein kleiner Fischerort im Nordosten Brasiliens im Bundesstaat Ceará. Der Ort wird unübersehbar vom Kitesurfen geprägt. Es gibt zahlreiche kleinere Gästehäuser, ein paar wenige Hotels und natürlich jede Menge Kiteschulen. Am langen und breiten Sandstrand tummeln sich die meisten Kiter vor den beiden großen Anlagen Kite Cabana und Duro Beach, wo man bei einer Pause mit einer eisgekühlten Kokosnuss im Schatten relaxen kann. Im Ort gibt es Restaurants für alle Budgets und alle Geschmäcker. Mit den anderen Kitern vom Bada Hostel gehe ich meistens zu einem der einheimischen Straßenstände, wo man für 3 Real (weniger als 1 EUR) einen großen leckeren Hähnchenspieß bekommt und zwischen diversen Beilagen wählen kann. Ein Abendessen dieser Art ist einfach und lecker und kostet 3 bis 4 EUR, absolut unschlagbar. Zum ersten Mal im Leben probiere ich Acai und liebe es sofort. Die Acai-Beere wächst im Amazonasgebiet und hat einen erdigen, nussigen Geschmack. Sie wird zu einem cremigen halbgefrorenen Püree verarbeitet, was man in einem der vielen Acai Läden beliebig mit Früchten, Nüssen, Müsli oder allerlei Süßkram garnieren kann. Der Geschmack vom Acai ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, aber sehr lecker und erfrischend.

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Der Kitespot direkt in Cumbuco ist so groß, dass man dem Gedränge vor der Kite Cabana Kiteschule leicht aus dem Weg gehen kann. Das Wasser ist recht wellig, je nach Wasserstand manchmal mehr, manchmal weniger. Wenn uns der Sinn nach Flachwasser steht, fahren wir an eine der beiden nahe gelegenen Lagunen in Cauipe oder Taiba. Die Fahrt ist jedes Mal abenteuerlich, weil die Straßen in furchtbar schlechtem Zustand und meistens mit Sand zugeweht sind. Beide Lagunen sind zum Kitesurfen sehr beliebt, weil das flache Wasser zum einen einfache Bedingungen für Anfänger bietet, zum anderen das perfekte Revier für die professionellen Kitesurfer ist, um waghalsige Tricks und Sprünge zu üben. Auch wenn es im Laufe des Nachmittags oft sehr voll wird auf der Lagune, mag ich das Kiten hier sehr, weil es mir super viel Spaß macht, mich an neuen Tricks zu versuchen und das klappt im Flachwasser viel besser als im Meer bei welligen Bedingungen.

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Cauipe Lagoon

Mit einer Gruppe aus dem Hostel fahre ich für zwei Tage nach Paracuru, einem tollen Kitespot knappe zwei Stunden nördlich von Cumbuco. Über Airbnb buchen wir für eine Nacht ein super gemütliches kleines Haus mit großer offener Küche und einer fantastischen Terrasse, auf der ein riesiger alter Baum Schatten spendet. Es ist so gemütlich, dass wir am liebsten gar nicht mehr weg wollen. Am Kitespot in Paracuru ist das Wasser weniger wellig und es sind deutlich weniger Kitesurfer auf dem Wasser als in Cumbuco. Am zweiten Tag fahren wir mit dem Auto zur Lagune in Taiba und machen dann von der Lagune aus einen Downwinder zurück bis nach Paracuru. Der Wind ist nicht besonders stark, aber es macht unheimlich viel Spaß und ich genieße das Kiten in Brasilien von Tag zu Tag mehr.

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Mit Augusto, Sarah, Maro, Tomaso, Alon und Andre in Paracuru

Inzwischen bin ich seit zwei Wochen in Brasilien und werde insgesamt drei Monate hier bleiben. Natürlich nicht an einem Ort, in Brasilien gibt es unzählige fantastische Kitespots und ich werde in den kommenden Wochen einige davon besuchen und freue mich riesig darauf.

Am 12. Februar 2018 bin ich in München ins Flugzeug nach Manila gestiegen und habe damit das größte Abenteuer meines Lebens begonnen. Heute, am 12. August 2018 ist das genau sechs Monate her und ich kann manchmal gar nicht richtig begreifen, was ich in den letzten sechs Monaten alles erlebt habe und wie wunderbar diese Zeit für mich war. Wie eigenartig war das Gefühl, als ich in Cuyo Island auf den Philippinen angekommen bin und wusste, dass ich erst ganz am Anfang einer langen Reise bin. Vorher bin ich maximal drei Wochen am Stück verreist und plötzlich liegt da ein ganzes Jahr vor mir, der Gedanke war aufregend und beängstigend zugleich.

In den ersten 6 Monaten meiner Reise ist so viel passiert, ich habe so viele tolle Orte besucht und fantastische Menschen kennengelernt. Selbstverständlich habe ich mir vor der Reise viele Gedanken darüber gemacht, wie sich die Reise für mich entwickeln würde und was mich erwartet, aber die Realität hat meine Vorstellungen bei Weitem übertroffen. In 6 Monaten gab es nicht einen Tag, an dem ich mich zurück nach Hause gewünscht habe, nicht einen Tag, an dem ich meine Entscheidung bereut habe. Diese Reise und alles, was ich erlebe, machen mich unvorstellbar glücklich und ich bin dankbar für jede Erfahrung, jede Begegnung, jeden Moment, den ich auf diesem Abenteuer erlebe. Ich bin so neugierig, was alles noch vor mir liegt und gespannt auf die kommenden Wochen und Monate. Diese Reise ist das Beste, was mir bisher im Leben passiert ist und es fühlt sich jeden Tag besser an.

 

1 Kommentar zu „Zur Halbzeit in Brasilien

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