Kite-Safari Brasilien – Auf in ein großes Abenteuer

Nach drei Wochen in Cumbuco schließe ich mich mit Alon und Aviram aus Israel und Jamie aus England zusammen und wir mieten gemeinsam einen Pick-up, um einen Monat lang die Kitespots entlang Brasiliens Nordküste zu erkunden.

Auto beladen in Cumbuco

Am 18. August geht es los und wir starten zu viert mit einem voll beladenen Auto, 10 Kites, 4 Boards und dem ganzen Zubehör von Cumbuco Richtung Norden. Unser erstes Ziel ist Lagoinha (Cumbuco – Lagoinha, 80 km). Im kleinen Fischerort Lagoinha angekommen, begeben wir uns das erste Mal mit dem Pick-up auf ungewohntes Terrain und fahren direkt am Strand entlang bis zur Lagoa do Jegue. Die Flachwasser Lagune befindet sich einige Kilometer nördlich von Lagoinha und wir kommen gleich am ersten Tag so richtig auf unsere Kosten. Wir sind den ganzen Nachmittag allein auf der Lagune, der Wind bläst super stark und wir toben uns so richtig aus, bis wir uns erst kurz vor Sonnenuntergang auf den Rückweg Richtung Lagoinha machen, um eine Bleibe für die erste Nacht zu finden.

Lagoa do Jegue in Lagoinha

Wir haben für den kompletten Monat keine Unterkünfte im Voraus gebucht. Im August ist es noch relativ ruhig an den Kitespots und es gibt immer zahlreiche Pousadas und Hostels, die wir direkt ansteuern können. Budgetmäßig orientieren wir uns an Cumbuco, wo wir im Bada Hostel pro Nacht 60 Reais (ca. 15 EUR) für ein Bett im Schlafsaal inkl. Frühstück bezahlt haben. Tatsächlich müssen wir in Lagoinha eine ganze Weile suchen, weil einige Gästehäuser voll sind oder über unserem Budget liegen. Letztendlich ist es schon spät, wir haben Hunger und wollen nicht mehr ewig auf der Suche sein. So enden wir tatsächlich im privaten Schlafzimmer einer brasilianischen Familie, deren Pousada ausgebucht ist und die uns förmlich drängt, das ungewöhnliche Angebot anzunehmen. Unsere erste Begegnung mit brasilianischer Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft, was uns auf dem Trip noch öfter passieren wird.

Im privaten Schlafzimmer einer brasilianischen Familie

Am zweiten Tag unserer Kite Safari fahren wir weiter Richtung Flecheiras (Lagoinha – Flecheiras, 40 Km) und machen von dort einen Downwinder bis nach Mundau (knappe 10 Km). Aviram begleitet uns drei mit dem Auto immer am Strand entlang und bei super starkem Wind (ich fliege meinen kleinen 5 m² Kite) macht uns die Strecke bis nach Mundau super viel Spaß. In Mundau mündet der Rio Mundaú ins Meer und die Flussmündung bietet in der Regel einen fantastischen Flachwasser Spot zum Kiten, jedoch ist der Wind hier sehr böig und wir entscheiden uns schweren Herzens gegen eine Session.

Kurz vor unserem Downwinder von Flecheiras nach Mundau

Sobald alles Equipment wieder im Auto verstaut ist, fahren wir weiter bis in den kleinen Fischerort Icaraizinho (Mundau – Icaraizinho, 90 Km) und landen nach kurzer Suche in der wunderschönen Casa Janjao, einer Pousada direkt am Strand. Wir bekommen ein großes Zimmer für uns 4 mit fantastischem Ausblick auf die große Bucht und sind fast die einzigen Gäste in der Pousada.

Casa Janjao in Icarai

Froh über die schnelle und erfolgreiche Zimmersuche schnappen wir unser Equipment und genießen eine kurze Sunset Session in Icaraizinho und beschließen den zweiten Tag mit einem leckeren typisch brasilianischen Abendessen (Picanha, Reis, Bohnen, Farofa) in einem kleinen Restaurant im Ortskern von Icarai.

Am riesigen Strand von Icarai

An Tag 3 beschließen wir, eine weitere Nacht in der Casa Janjao zu verbringen und haben somit den ganzen Tag zur Verfügung, um erst ein bisschen zu Relaxen, bevor es am Nachmittag ausgiebig aufs Wasser geht. Die Bucht in Icarai ist riesig groß, eine unendliche Spielwiese für Kite- und Windsurfer. Wir kommen voll auf unsere Kosten und fühlen uns hier so richtig wohl. Die Außenanlage in der Casa Janjao ist super schön und auf der hölzernen Terrasse lässt sich der Kitespot und das Geschehen auf dem Wasser hervorragend beobachten, einfach klasse.

Fantastischer Beobachtungsposten in Icarai

Unsere Weiterfahrt an Tag 4 bringt uns nach einigen Stunden im Auto bis nach Macapá (Icaraizinho – Macapá, 310 Km). Die Straßen sind oft schlecht in Brasilien und um an die kleinen Küstenorte zu gelangen, müssen wir in der Regel die Schnellstraße verlassen um über kleine, oft unwegsame Pisten bis ans Ziel zu gelangen. Daher brauchen wir für manche Strecken trotz kurzer Distanz einige Stunden und sind daher umso glücklicher über unsere Entscheidung für das Allrad Fahrzeug, was unser Abenteuer deutlich komfortabler macht. In Macapá, einem winzigen Ort direkt an der Flussmündung vom Rio Carapebas, folgen wir der Empfehlung von Freunden aus dem Bada Hostel und bleiben für zwei Nächte in der großen und sehr schön angelegten Pousada Recanto dos Poetas. Hier bekommen wir sogar zwei separate Zimmer mit jeweils eigenem Bad für 45 Reais (knappe 11 EUR) pro Person / Nacht inklusive Frühstück.

Pousada Recanto dos Poetas in Macapá

Uns ist schleierhaft, wie bei diesen Preisen überhaupt Gewinn hängen bleibt und wir sind überrascht, dass es in Brasilien oft sehr günstig ist, weil wir alle vor unserer Reise anderes gehört haben. Fakt ist, dass es in größeren, touristischen Orten definitiv teurer ist, aber wenn man keine hohen Ansprüche hat und statt dem Privatzimmer auch mal ein Bett im Schlafsaal okay ist, kann man bei einer Kitereise durch den Norden Brasiliens immer eine Bleibe für unter 25 EUR / Nacht inkl. Frühstück finden.

Der kleine Ort Macapá hat nicht viel zu bieten, wir tun uns am Abend sogar schwer ein geöffnetes Restaurant zu finden, von Nachtleben ganz zu Schweigen. Was trotz allem die weite Anreise nach Macapá rechtfertigt, ist ein unglaublich schöner Flachwasser Spot auf der Flussmündung vom Rio Carapebas. Für mich einer der schönsten Spots, an denen ich bisher war.

Kitespot in Macapá

Aufgrund von Ebbe und Flut verändert sich der Spot im Laufe des Tages ständig. Bei Ebbe ist das Wasser stellenweise super flach und überall bilden sich Sandbänke. Sobald der Wasserpegel steigt, verschwinden die Sandbänke und es bildet sich eine riesige Lagune, mit spiegelglattem Wasser. Aviram macht sogar Aufnahmen mit einer Drone und die entstandenen Bilder machen mich immer wieder aufs Neue sprachlos.

Am 6. Tag unserer Kite-Tour steht uns ein abenteuerlicher Trip bevor. Wir wollen es bis ans nördlichste Ziel unserer Reise schaffen, bis nach Atins (Macapá – Atins, 250 Km), einem kleinen und sehr abgelegenen Ort im Nationalpark Lencois Maranhenses. Die große Schwierigkeit besteht in den letzten 30 Km, aber dazu gleich mehr. Die Fahrt führt uns durch die große Stadt Parnaiba, wo wir in einer Apotheke Antibiotika für Jamie besorgen, der sich unterhalb vom Brustkorb durch eine Druckstelle vom Trapez eine fiese, eitrige Entzündung zugezogen hat. Jede noch so kleine Schnittverletzung oder Schürfwunde etc. kann hier zum richtigen Problem werden. In Deutschland innerhalb von 3 bis 4 Tagen verheilt, hat man hier dank Salzwasser, Sonne, Sand etc. oft mehrere Wochen damit zu tun, eine anfangs winzige Verletzung auszukurieren. Gegen 14 Uhr kommen wir nach ca. 4 Stunden Fahrt in Barreirinhas an und nun liegen nur noch 30 Km bis Atins vor uns. 30 Km, die es in sich haben. Nach einem schnellen Mittagessen erkundigen wir uns über die Möglichkeiten, nach Atins zu kommen. Es gibt zwei offizielle Varianten: entweder man bucht Plätze auf einem Schnellboot und gelangt somit innerhalb von einer guten Stunde über den Rio Preguicas nach Atins oder man bucht Plätze auf einem großen, geländegängigen Pick-up Truck und gelangt auf dem Landweg über eine anspruchsvolle Offroad Strecke in ca. 1,5 Stunden nach Atins. Da es schon Nachmittag ist, sind beide Optionen erst wieder am nächsten Vormittag möglich. Außerdem wollen wir unser Auto ungern in Barreirinhas stehen lassen und das ganze Kite Equipment mit uns herum tragen. Und so führt eins zum anderen und wir machen uns gegen 16 Uhr (2 Stunden vor Sonnenuntergang) selbst auf den Weg nach Atins und hoffen inständig, dass wir nicht kontrolliert werden, weil eigentlich nur Fahrzeuge mit spezieller Akkreditierung auf dieser Strecke fahren dürfen. Zunächst setzen wir mit einer kleinen Fähre, auf die maximal zwei Autos passen über den Fluss und schon geht das sandige Abenteuer los.

Auf der Fähre in Barreirinhas

Ich versuche die dreistündige Fahrt mit Ankunft in Atins nach Einbruch der Dunkelheit kurz zu fassen. Ich denke, keiner von uns hat vorher etwas Vergleichbares erlebt. Diese Strecke ist einer der anspruchsvollsten Abschnitte der sogenannten Rally dos Sertoes, einer Offroad Rallye im Nordosten Brasiliens. Ich denke, folgende drei Dinge haben es für uns möglich gemacht, Atins auf diesem Weg zu erreichen: Nr. 1 ist unser Mietwagen, ein VW Amarok, der ein richtiges Biest ist und manchmal ganz schön an seine Grenzen gekommen ist. Nr. 2 ist Aviram, der unser Auto gefahren hat und fahrtechnisch eine Meisterleistung vollbracht hat und Nr. 3 ist der glückliche Umstand, dass wir die letzten 10 Km hinter einem der Touristen Pick-Ups hinterher fahren konnten, sonst hätten wir uns im Einbruch der Dunkelheit mit Sicherheit mehrfach verfahren. Die anspruchsvollsten Stellen waren tiefer, loser Sand und zum Teil knietiefe Flüsse und kleinere Lagunen, die wir durchqueren mussten. Die sandigen Pfade sind größtenteils sehr eng, holprig und gewunden. Oft geht es nur im Schritttempo voran, weil wir tiefe, schlammige Löcher umfahren müssen oder Ausschau halten, wo die Fahrspuren entlang gehen. Besonders nervenaufreibend ist eine schmale, uralte und brüchige Holzbrücke und die rasante Fahrt über große Sanddünen. Bei der Ankunft in Atins sind wir alle vier schweißgebadet und verdammt glücklich, dass wir es geschafft haben. An die Rückfahrt wollen wir in dem Moment noch gar nicht denken.

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30 Km Offroad von Barreirinhas nach Atins

Die erste Nacht in Atins verbringen wir in der kleinen und einfachen Pousada do Melo, weil uns alles egal ist und wir einfach nur ein Bett wollen. Am nächsten Tag machen wir uns bei Tageslicht auf die Suche nach einer schöneren Unterkunft und stellen fest, dass es am Ende der Welt gar nicht so einfach ist, eine schöne und bezahlbare Bleibe zu finden. Das Problem ist, dass hier gerade Hauptsaison für die Besucher des Nationalparks ist und daher die meisten Unterkünfte sehr gut gebucht sind. Letztendlich werden wir fündig in der Eco Pousada Filhos do Vento und entscheiden uns, weitere drei Nächte in Atins zu bleiben.

Ausblick über den Kitespot in Atins bei Flut

Der Kitespot in Atins ist gigantisch groß. Ähnlich wie in Macapá verändert sich der Spot mit Ebbe und Flut. Bei Ebbe bilden zahlreiche Sandbänke kleinere Lagunen mit super flachen Wasser, bei Flut verbindet sich alles zu einer einzigen riesigen Bucht mit Flachwasser Spots und welligen Abschnitten. Leider ist der Wind in Atins nicht so richtig auf unserer Seite und wir kommen kitetechnisch nicht wirklich auf unsere Kosten. Dazu kommt, dass der winzige Ort Atins nicht viel zu bieten hat und die wenigen Restaurants aufgrund der entsprechenden Nachfrage relativ teuer sind. Unser Highlight ist ein Ausflug in den Nationalpark Lencois Maranhenses, einem riesigen Schutzgebiet an der Brasilianischen Nordküste. Die Besonderheit ist die wüstenartige Landschaft mit riesigen weißen Sanddünen und tausenden von glasklaren Lagunen, die sich in der Regenzeit füllen.

Nationalpark Lencois Maranhenses

Vernünftiger Weise haben wir für die Tour natürlich einen offiziellen Transfer gebucht und werden mit einem Pick-up Truck zu den beiden Lagunen 7 Mujeres (7 Frauen) und Lagoa do Capivara (Wasserschwein) gebracht. Der Anblick der unendlichen weißen Sanddünen ist unglaublich. Das Wasser in den Lagunen ist glasklar und wir haben Zeit, um Schwimmen zu gehen und in den Sanddünen herum zu toben.

Am zehnten Tag unseres Trips verlassen wir Atins und bringen es tatsächlich fertig, für die Rückfahrt nach Barreirinhas 4 Stunden zu benötigen. Wir verfahren uns gleich am Anfang und müssen nach 1,5 Stunden umkehren, um den richtigen Weg zu finden. Als wir endlich zurück in Barreirinhas sind und mit der kleinen Fähre übersetzen, sind wir fix und fertig und froh, dass wir es geschafft haben. Wir vier kennen uns erst seit ein paar Wochen, aber wir haben auf dieser Strecke zusammengehalten, wie enge Freunde. Aviram hat fahrtechnisch in dem schwierigen Terrain großartiges vollbracht und immer Ruhe bewahrt, selbst wenn wir 3 nervös auf ihn eingeredet haben, welchem Pfad er jetzt am besten folgen sollte. Wir mussten mehrfach das Auto im tiefen Sand anschieben, weil wir trotz Allrad nicht mehr vor oder zurückgekommen sind. Unsere Nerven lagen stellenweiße blank und trotzdem gab es keine Diskussionen zwischen uns, wir haben für jede schwierige Situation eine gemeinsame Lösung gefunden und trotz aller Herausforderungen mussten wir oft einfach nur herzhaft zusammen lachen über dieses verrückte Abenteuer.

Ein richtig gutes Team

Nach einem Mittagessen und etwas Verschnaufpause in Barreirinhas machen wir uns auf den Rückweg Richtung Süden. Unser nächstes Ziel ist Tutoia, wo wir uns auf die Suche nach einer großen Lagune in den Sanddünen machen wollen, wo wir Kitesurfen können. Das wir und vorallem unser Auto dort auf eine richtige Probe gestellt werden würden, davon hatten wir zu dem Zeitpunkt noch keine Ahnung.

 

2 Kommentare zu „Kite-Safari Brasilien – Auf in ein großes Abenteuer

  1. Rosi Häßelbarth 2. September 2018 — 12:20

    Sooo aufregend 😍

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  2. Hi Romy,
    klasse, sehr spannend und Du hast eine
    super Bildsprache- die begeistert und als wenn ich dabei wäre. Ich wünsche Dir/Euch eine tolle Weiterreise auf unserer schönen Erde.

    Bleibt gesund, voller Energie und viel Sehnsucht nach Neuem! Herzliche Grüße- Hans, noch immer bei Fedrigoni

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