Kite-Safari Brasilien – eine Herausforderung kommt selten allein

An Tag 10 unseres Kite-Trips in Brasilien liegen noch knappe 80 Km von Barreirinhas bis nach Tutoia vor uns. Der Ort Tutoia selbst erschreckt uns ein bisschen, der Ort hat nicht wirklich etwas Schönes zu bieten und die Gegend wirkt auf uns sehr arm. Von Tourismus ist nicht viel zu spüren. Wir suchen uns eine einfache und günstige Pousada für die Nacht und schmieden Pläne, wie wir am nächsten Tag die Lagune finden, in der wir unbedingt kiten wollen.

Nach dem Frühstück machen wir uns mit Sack und Pack auf den Weg und fahren am unendlichen Strand Richtung Norden zur winzigen Ortschaft Arpoador. Wie im Nationalpark Lencois Maranhenses gibt es auch hier riesige Sanddünen und unzählige Lagunen dazwischen. Von Freunden aus Cumbuco wissen wir, dass man eine der größeren Lagunen mit dem Auto erreichen und dort kiten kann. Sie sagten uns allerdings auch, dass die Lagune nicht ohne weiteres zu finden ist und man sehr aufmerksam sein muss, weil es am Strand und in den Sanddünen schwierige Abschnitte gibt. Wer die 30 Km Offroad nach Atins meistert, der kriegt auch das hin … dachten wir. Zunächst fahren wir eine ganze Zeit lang entlang der Sanddünen und versuchen mittels Satellitenbildern auf Google Maps herauszufinden, wo sich die große Lagune befindet und wie wir am besten dorthin kommen. Letztendlich sind wir dem richtigen Weg auf der Spur, wenden uns ab vom Meer und fahren mehr in Richtung Landesinnere zwischen die Sanddünen. Irgendwann gibt es keine Fahrspuren mehr im Sand, keinerlei Anhaltspunkt für uns. Immer wieder steigen wir aus dem Auto aus, laufen einige Meter, um möglicherweise wieder Fahrspuren zu entdecken. Der Wagemut wird uns zum Verhängnis und wir landen mit dem Auto in weichem, tiefen Sand, zu nah an einer der Lagunen.

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Ziemlich ausweglose Situation in Tutoia

Der erste Schreck ist riesengroß. Das Auto ist mit den Rädern so tief im Sand, dass es mit dem Unterboden komplett auf dem Sand aufsitzt. Wir befinden uns mitten im Nirgendwo, keine Menschenseele weit und breit. Da sind wir das erste Mal so richtig ratlos. Als wir ansetzen wollen, um das Auto aus der misslichen Lage heraus zu schieben, sehen wir aus der Ferne einen Pickup heran fahren und machen auf uns aufmerksam. Zum Glück hält das Fahrzeug in unserer Nähe und zwei Locals kommen auf uns zu, einer spricht sogar englisch. Schnell wird klar, wir sind nicht die ersten, denen das hier passiert. Bei weiteren Versuchen, dass Auto vor oder zurück zu bewegen, würden nur die Räder durchdrehen und das Auto letztendlich noch tiefer in den nassen Sand sinken. Wir müssen erst den Sand unter dem Auto raus schaufeln, damit es nicht mehr auf dem Untergrund aufsitzt und die Räder wieder greifen können. Die beiden Locals ziehen von dannen um eine Schaufel zu besorgen, in der Zwischenzeit machen wir uns mit Hilfe unserer Kiteboards an die Arbeit und buddeln bei brütender Hitze den Sand unterm Auto hervor.

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Drei Locals helfen uns, das Auto aus dem Sand zu befreien

Wir sind dankbar, als die Locals mit Verstärkung, Schaufeln und Holzbrettern zurückkommen und ab dann stehen wir eine ganze Zeit nur staunend daneben. Mit geübten Handgriffen schaufeln sie Sand unterm Auto hervor, benutzen sogar den Wagenheber, um die Holzbretter unter die Hinterräder zu bekommen. Es dauert eine ganze Weile, bis sie uns zu verstehen geben, dass es jetzt an der Zeit ist, einen Versuch zu wagen, das Auto rückwärts mittels Antrieb und Manneskraft aus der misslichen Lage zu befreien. Aviram am Steuer, alle anderen schiebend an der Motorhaube und tatsächlich bewegt sich das Auto aus dem tiefen Sand und wir können es kaum glauben, dass wir mit mehr Glück als Verstand die Situation überstanden haben. Ohne die Hilfe der Einheimischen hätten wir das nicht geschafft, darüber sind wir uns einig. Dankbar und erleichtert folgen wir dem Pick-up Truck bis zur großen Lagune und stellen fest, dass wir tatsächlich gar nicht mehr weit entfernt waren. Über dem Aufpumpen unserer Kites versuchen wir, den Schreck ein bisschen zu verarbeiten und können erst so richtig aufatmen, als wir ganz für uns allein auf dem wunderschönen Spot kiten.

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Die Lagune in Tutoia ganz für uns alleine

Am späten Nachmittag wollen wir noch den nächsten Abschnitt hinter uns bringen und fahren weiter bis nach Barra Grande (Tutoia – Barra Grande, 180 Km). Erst im Dunkeln kommen wir an und hier geht es sehr viel touristischer zu, als an allen anderen Orten, an denen wir bisher waren. Es gibt viele Pousadas, auch kleinere Hotels und unzählige Restaurants entlang der sehr schön angelegten Hauptstraße im Ort. Letztendlich landen wir im Eco Hostel Raizes und buchen im Schlafsaal 4 Betten für die nächsten 3 Nächte.

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Eco Hostel Raizes in Barra Grande

Am zwölften Tag unseres Trips verbringen wir einen entspannten Vormittag im Hostel, bevor wir am Nachmittag den Kitespot in Barra Grande erkunden. Es herrscht Ebbe und bei tollem flachen Wasser kommen wir zu einer kurzen Session bei leichterem Wind.

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12er Wind am Kite Spot in Barra Grande

Am nächsten Vormittag nutzen wir die windstillen Stunden und lassen Avirams Drone über Barra Grande fliegen. Brasiliens niemals endende Küstenlinie und das Meer aus der Luft zu sehen, ist jedes Mal wieder atemberaubend. Als der Wind gegen Mittag zunimmt, machen wir uns wieder auf den Weg zum Strand. Direkt am Kitespot ist ein kleines Lokal mit günstigem, leckerem Essen. Hier kann man super gemütlich im Schatten verweilen und das Geschehen auf dem Spot beobachten. Erst kurz vor Sonnenuntergang laufen wir zurück zum Auto und stellen fest, dass der vordere linke Reifen platt ist. Kurz vor Einbruch der Dunkelheim, müde und hungrig nach einem Nachmittag am und im Wasser … perfektes Timing. Weil wir so das Auto nicht bewegen wollen, um den Reifen nicht zu beschädigen, bleibt uns nichts anderes übrig, als ein Reifenwechsel. Das Ersatzrad ist hinten unter dem Auto montiert und es dauert eine ganze Weile, bis wir herausfinden, wie wir es von dort lösen können.

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Beim Lösen der festsitzenden Radmuttern hilft nur vereinte Manneskraft

Die nächste Herausforderung sind die fest sitzenden Radmuttern, die sich nicht einen Millimeter bewegen. Unter Einsatz des Wagenhebers und viel Manneskraft kriegen wir die Muttern nach unendlichen Versuchen gelöst und wechseln das Rad. Als wir den Wagenheber entfernen wollen und das Auto auf dem gewechselten Ersatzrad aufsitzt, stellen wir fest, dass im Ersatzrad noch weniger Luft ist. Es ist inzwischen stockdunkel, wir sind ganz schön genervt und im Licht der Handy Taschenlampe wechseln wir nach all der Mühe wieder zurück zum ursprünglichen Rad und tuckern im Schritttempo zurück zum Hostel.

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Ersatzrad genauso platt wie das Originalrad – was für eine Aktion

Die Betreiber des Hostels sind super nett und hilfbereit und zeigen uns, dass sich gleich in der Nähe eine kleine Werkstatt befindet. Wir lassen dort den Reifen aufpumpen und wollen bis zum nächsten Morgen abwarten. Unerklärlicher Weise hat der Reifen am nächsten Morgen keine Luft verloren und wir sind ratlos, weshalb er platt war. Sicherheitshalber fahren wir trotzdem nochmal in die Werkstatt, lassen das Originalrad checken und das Ersatzrad aufpumpen … könnten wir ja nochmal brauchen.

Als endlich alles geklärt und erledigt ist, machen wir uns auf die Weiterfahrt nach Jericoacoara, einem der bekanntesten Kitespots in Brasilien (Barra Grande – Jericoacoara, 180 Km). Nach Zweidrittel der Strecke machen wir eine Pause im Ort Camocim und suchen uns ein Restaurant zum Mittagessen. Als wir unsere Fahrt Richtung Jeri fortsetzen, kommen wir im Ort Granja an eine Polizei Kontrollstelle und werden angehalten. Auf dem abenteuerlichen Trip von Barreirinhas nach Atins hatten wir leider unser vorderes Nummernschild verloren. Wir hatten uns in Barreirinhas schon danach erkundigt, ein neues Nummernschild anfertigen zu lassen, aber das geht nur in dem Staat, wo das Auto zugelassen wurde. So hatten wir gehofft, auf der weiteren Strecke keine Probleme zu bekommen und uns um das neue Nummernschild kümmern zu können, sobald wir wieder im Staat Ceará sind. Die Hoffnung war vergebens. Wir dürfen die Kontrollstelle ohne Nummernschild nicht passieren. Die Verständigung ist schwierig, weil wir weder portugiesisch noch die Polizisten englisch sprechen. Nach viel Hin und Her machen wir uns auf den Rückweg Richtung Camocim, weil es dort eine Polizeistelle geben soll, wo wir den Verlust melden müssen, bevor wir überhaupt ein neues Nummernschild bekommen können. Das Auto kostet uns ganz schön Nerven und wir befürchten, dass das ein langwieriges Unterfangen wird. Kurz vor Camocim taucht plötzlich die Polizeistelle auf und wir treffen auf einen hilfsbereiten Polizeibeamten, der uns trotz der schwierigen Verständigung sofort weiterhilft. Wir müssen keine Verlustmeldung machen, sondern lediglich ein neues Nummernschild anfertigen lassen, da fällt uns erstmal ein großer Stein vom Herzen. Tatsächlich befindet sich direkt neben der Polizeistelle eine Art Container, wo Nummernschilder angefertigt werden. Leider geschlossen, aber nach einem Anruf durch den Polizisten taucht der Betreiber innerhalb von Minuten auf und wir trauen unseren Augen nicht, als wir nur kurze Zeit später tatsächlich ein neues Nummernschild haben. Das ging schneller als gedacht und ohne Probleme passieren wir die Kontrollstelle in Granja.

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Glücklich über ein neues Nummernschild für unser Mietauto

Der „Hindernislauf“ an diesem Tag ist noch nicht überstanden. Als wir am späten Nachmittag gar nicht mehr weit von Jeri entfernt sind, wollen wir in der Stadt Jijoca Bargeld abheben, weil es in Jeri keine Geldautomaten gibt. Am letzten Tag des Monats erledigen aber anscheinend auch alle Einheimischen ihre Bankgeschäfte und in den 3 Banken, die wir ansteuern, sind lange Schlangen an den Automaten und Schaltern. Nach langem Warten gelangen wir endlich an Bargeld und machen uns in der Dämmerung auf die letzten Kilometer nach Jeri, die ähnlich wie die Strecke nach Atins durch einen Nationalpark mit wunderschönen, riesigen Sanddünen führen. Zum Glück ist die Strecke deutlich weniger anspruchsvoll und wir passieren bei Einbruch der Dunkelheit die Tore der Stadt, die auf Sand gebaut ist.

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