Kite-Safari Brasilien – möge es doch niemals enden

Erst im Dunkeln kommen wir am 14. Tag unseres Trips in Jericoacoara an. Jeri befindet sich innerhalb eines ausgedehnten Dünengebietes im Nordosten von Brasilien. Wie wir es schon weiter nördlich im Nationalpark Lencois Maranhenses erlebt haben, befinden sich zwischen den riesigen Sanddünen große Süßwasserlagunen. Nach einem langen Tag im Auto erreichen wir über unbefestigte Sandpisten Jeri und werden am Tor zur Stadt auf die nächste Geduldsprobe gestellt. Dieser kleine Ort, kilometerweit umgeben lediglich vom Ozean und Sand, lebt ausschließlich vom Tourismus und das bekommt der Besucher schon zu spüren, bevor man überhaupt einen Fuß in die Stadt gesetzt hat. Für das Auto müssen wir pro Tag 20 Reais bezahlen und pro Person und Tag nochmal 5 Reais. Als wir unser Geld los geworden sind, müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten, um überhaupt in den Ort hinein fahren zu dürfen. Wir klappern einige Hostels und Pousadas ab und als wir unsere Entscheidung getroffen haben, müssen wir unser ganzes Equipment noch einige hundert Meter durch den Sand tragen, weil das Ortszentrum Abends für Autos komplett gesperrt ist und wir nicht bis an die Pousada heran fahren können. Wir sind müde und hungrig, der Reisetag von Barra Grande nach Jeri hat uns ganz schön ausgelaugt. Eine kalte Dusche weckt die Lebensgeister und wir marschieren los, um Jeri zu erkunden.

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Jericoacoara umgeben von Sanddünen und Lagunen

Natürlich barfuß, denn hier ist man nur im Sand unterwegs, es gibt keine befestigten Straßen. Im Zentrum von Jeri herrscht buntes Treiben. Es gibt eine Vielzahl an Restaurants und Bars und jede Menge kleine Läden mit Souvenirs, Accessoires und Bekleidung … irgendwie fühlt man sich wie am Ende der Welt und dennoch bekommt man in Jeri alles, was das Herz begehrt. Überall spielt Live Musik, alles ist farbenfroh beleuchtet, es ist bunt und lebhaft und wir genießen das Getummel nach der Abgeschiedenheit in den letzten Tagen. Nach einer Stärkung machen wir uns auf den Weg zum Strand, wo jeden Abend Jeri’s berüchtigte Caipirinha Party steigt. An einem von gefühlt über 20 Ständen kann man sich einen fruchtigen Caipirinha für umgerechnet ca. 2 EUR mixen lassen und beim ersten Schluck kippe ich fast aus den Latschen, weil der Drink so stark ist. Erst spielt eine Liveband und später tanzen wir zu aufgelegten Elektrobässen im Sand und der zweite oder dritte Caipirinha tut sein Übriges. So richtig wissen wir am nächsten Tag nicht mehr, wann und wie wir zurück zur Pousada gekommen sind, aber irgendwie haben wir es in die Betten geschafft. Den zweiten Tag in Jeri gehen wir ganz entspannt an und bummeln am Nachmittag gemütlich durch den Ort. Am Strand laufen wir Richtung Osten zum Wavespot und beobachten eine ganze Weile die Wind- und Kitesurfer. Über einen schmalen Pfad wandern wir auf die Klippen und genießen tolle Ausblicke über den Spot.

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gigantischer Ausblick auf den Wavespot in Jeri

Zum Sonnenuntergang zieht es uns genauso wie alle anderen auf die große „Sunset Dune“, von wo man einen atemberaubenden Sonnenuntergang überm Meer beobachten kann, was für Brasilien sehr außergewöhnlich ist, weil die Sonne aufgrund der Küstenausrichtung fast überall über dem Land untergeht. Hunderte Menschen pilgern auf die riesige Düne und beobachten gemeinsam das wunderschöne Naturschauspiel. Sobald die Sonne gänzlich verschwunden ist, wird laut applaudiert und die große Meute macht sich durch den weichen tiefen Sand stapfend auf den Rückweg nach Jeri.

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Sonnenuntergangs-Spektakel in Jericoacoara

Am dritten Tag in Jeri lockt uns der Wind, aber wir entscheiden uns gegen unsere Kites und für sogenannte Blokarts, die wie kleine Go-karts aussehen und mit einem großen Segel ausgestattet sind. Jeweils zu zweit sitzen wir in einem Kart und drehen am Strand in Jeri einige Proberunden, um die Lenkung und vorallem die Steuerung des Segels zu üben. Nachdem wir mit der Handhabung vertraut sind, geht es 12 Kilometer downwind nach Guriu am breiten Strand entlang und bei fast 40 Knoten schießt das Adrenalin in die Blutbahn und der fliegende Sand prasselt erbarmungslos auf die Haut. Unfassbar was diese Dinger für eine Geschwindigkeit drauf kriegen und bei dieser fantastischen Kulisse haben wir den Spaß unseres Lebens, absolut empfehlenswert!

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Macht fast so viel Spaß wie Kitesurfen – mit Highspeed in den Blokarts von Jeri nach Guriu

Am späten Nachmittag entscheiden wir uns dann noch für eine kurze Sunset Session am Wavespot und der Wind bläst immer noch so stark, dass für mich nur der kleine 5er in Frage kommt. Der Spot mit der Steilküste im Hintergrund ist wunderschön, aber er birgt seine Tücken. Am Strand befinden sich viele große Felsen und es ist absolute Vorsicht geboten. Als die Sonne schon untergegangen ist und Aviram und ich die letzten Kitesurfer auf dem Wasser sind, verliert Avi nach einem Kiteloop sein Kiteboard und sein Kite landet in unmittelbarer Nähe der Felsen im Wasser. In letzter Sekunde bekommt er den Kite wieder in die Luft und macht sich auf die Suche nach seinem Board. Ich bin inzwischen am Strand und Alon und ich beobachten die Situation mit Schrecken vom Ufer aus. Avi befindet sich inmitten der Felsen. Die Brandung droht, ihn jeden Moment dagegen zu spülen. Mir bleibt fast das Herz stehen. In einer solchen Situation war ich bisher noch nicht. Zusehen zu müssen, wie sich ein Freund beim Kiten in einer echt gefährlichen Situation befindet, ist schrecklich. Wir eilen am Strand entlang, ich finde Avis Board zwischen den Felsen und Alon läuft weiter downwind, um nach einer Stelle am Strand Ausschau zu halten, wo weniger Felsen sind und Avi aus dem Wasser kommen kann. Ungeduldig und besorgt packe ich unser Equipment zusammen und bin unfassbar erleichtert, als die beiden auftauchen und Avi und sein Kite unbeschadet sind. Beim Kiten kann immer etwas passieren, egal wie gut man fährt, egal welches Equipment man benutzt. Jede Kite Session ist anders, weil sich die Bedingungen am Spot und auf dem Wasser stetig ändern. Ein solches Erlebnis macht einem das nochmal besonders bewusst und beim Spiel mit den Naturgewalten Wind und Wasser zieht der Mensch im Zweifel immer den Kürzeren.

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bei super starkem Wind am Wavespot in Jeri

Am letzten Tag in Jeri kiten Aviram und ich downwind nach Guriu, Alon und Jamie begleiten uns im Auto am Strand entlang. Der Downwinder ist super schön, zum Teil tolle Wellen und dann wieder flache Abschnitte. In Guriu erreichen wir eine Lagune, wo wir uns bei super starkem Wind im Flachwasser austoben, ein tolles Mittagessen inmitten der Mangroven genießen und erst bei Sonnenuntergang alle zusammen im Auto zurück nach Jeri fahren. Auf halbem Weg halten wir am Strand an und genießen zu viert den Sonnenuntergang. Ich wünsche mir, dass dieser Trip gar nicht enden mag, so schön ist es.

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Downwinder von Jericoacoara nach Guriu

Am 18. Tag unseres Kitetrips verlassen wir Jericoacoara und fahren am Strand entlang bis nach Prea (Jeri – Prea, 18 Km). Prea ist deutlich kleiner als Jeri, der Ortskern hat nicht besonders viel zu bieten, die meisten Pousadas reihen sich direkt am Strand entlang. Wir entscheiden uns für das Kite Hostel Vitoria, was erst im Oktober 2017 eröffnet wurde. Die Gastgeber sind ein junges Pärchen mit einem 6 Monate alten Sohn, wir werden herzlich aufgenommen und fühlen uns hier sofort super wohl. Nachdem wir unser Zimmer bezogen haben, pumpen wir unsere Kites auf und stürzen uns aufs Wasser. Prea verwöhnt uns in den nächsten Tagen mit super starkem Wind und wird damit zu einem unserer Lieblingsspots auf dem Trip. Wir bleiben vier Nächte und unser Tagesablauf ist von langen Kite Sessions an diesem tollen Spot geprägt. Bei einer Pause lassen sich aus der Hängematte die anderen Kiter auf dem Wasser beobachten, in fußläufiger Entfernung essen wir mittags leckeren Fisch und Shrimps, für ein paar intensive Kite-Tage ein absoluter empfehlenswerter Spot.

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Kite Hostel Vitoria in Prea

Am Tag 22 verabschieden wir uns in Prea und fahren weiter Richtung Süden bis nach Ilha do Guajiru, wo wir die letzten Tage unseres Trips verbringen wollen (Prea – Ilha do Guajiru, 80 Km). Diesmal haben wir sogar vorab eine Unterkunft gebucht und checken ohne große Sucherei in der Pousada Coco-Knots ein, die seit drei Jahren von der Deutschen Angela geführt wird. Ilha do Guajiru ist bekannt für seine Lage an einer riesigen Lagune mit perfekten Bedingungen zum Kitesurfen. Alle Unterkünfte befinden sich unmittelbar an der Lagune, alles dreht sich ums Kiten und es herrscht eine tolle Stimmung am Spot.

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Pousada Coco-Knots in Ilha do Guajiru

Wir beziehen vier Betten im Schlafsaal, der sich im vorderen Teil der Pousada mit Ausrichtung zur Lagune befindet. Morgens kann man noch im Bett liegend durchs Fenster spähen, ob bereits Kiter auf dem Wasser sind.

Nach den aufregenden ersten 3 Wochen unseres Trips genießen wir die Zeit im Coco-Knots, verbringen viel Zeit mit Relaxen und genießen die Nähe zum Spot. Wenn Ebbe herrscht, ist das Wasser in der Lagune zu flach zum Kiten, dann befinden sich für mehrere Stunden in Ilha do Guajiru alle im Entspannungsmodus. Oft sitzen wir einfach gemeinsam im Schatten der Palmen, genießen die leichte Brise und lauschen der Musik, wenn Alon Gitarre spielt. Wenn das Wasser steigt und der Wind zunimmt, beginnt die allgemeine Unruhe, Kites werden aufgepumpt, Leinen ausgelegt und dann gibt es kein Halten mehr und wir kiten gemeinsam oft stundenlang, bis die Sonne untergeht.

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Wir passen gut zusammen 🙂

Wenn uns der Sinn nach Wellen steht, überqueren wir die große Sandback, die die Lagune vom Meer trennt. Dann kiten wir eine ganze Weile downwind bis zu einer kleineren Lagune, die wir ganz für uns allein haben. In 20 Minuten geht es upwind wieder zurück nach Ilha do Guajiru. Die Möglichkeit, zwischen Flachwasser und Wellen abzuwechseln und sowohl in einer Lagune als auch im Meer zu kiten gefällt uns hier sehr gut und neben Prea und Macapa wird Ilha do Guajiru einer unserer Lieblingsspots.

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Ilha do Guajiru

Ein weiteres Highlight in Ilha do Guajiru ist für mich der Besuch von meinen Freunden Jana und Oliver aus München. Die beiden sind drei Wochen in Brasilien unterwegs und machen einen dreitägigen Stop in Ilha do Guajiru. Es ist toll, Freunde aus der Heimat zu treffen und ich bin sehr dankbar für die gemeinsame Zeit!

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mit Jana und Oliver in Ilha do Guajiru

Als unsere letzten Tage anbrechen, verletze ich mich leider am Fuß, als ich gerade aufs Wasser gehen will. Die Start- und Lande Situation ist in Ilha do Guajiru etwas schwierig und bei niedrigem Wasserstand muss man einige Meter durch glitschigen Schlamm laufen. Mit dem Kite in der Luft bei 30 Knoten ist das manchmal eine richtige Herausforderung, wenn man schlitternd Richtung Wasser manövriert und versucht, nicht auf dem Hintern im Schlamm zu landen. Jedenfalls konzentriere ich mich auf den Kite und schaue weniger darauf, wohin ich meine Füße setze und trete dabei in etwas Scharfkantiges. Erst denke ich mir nicht viel dabei und beginne meine Session. Nach ein paar Minuten spüre ich aber den stechenden Schmerz in der Fußsohle und lande meinen Kite, um den Fuß zu checken. Eine lange und leider auch tiefe Schnittwunde ist die Erkenntnis. Einen Krankenhausbesuch in Brasilien wollte ich unbedingt vermeiden, aber dann ist es leider doch so weit und zum Glück begleiten mich Aviram und Alon. Das Krankenhaus in Itarema ist kein einladender Ort, es wirkt mehr wie auf einem Bahnhof. Zum Glück sind alle freundlich und hilfsbereit und wir müssen nicht sehr lange warten. Die Schnittwunde wird mit zwei Stichen genäht, die Ärztin erteilt mir 5 bis 7 Tage „Salzwasser-Verbot“. Ich bin ganz schön geknickt, aber letztendlich froh, dass es erst am Ende unseres Trips passiert ist und mir im Krankenhaus so unkompliziert geholfen wurde.

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Im Krankenhaus in Itarema

So bleiben meine Kites die letzten zwei Tage unseres Trips verstaut und ich begnüge mich mit Zuschauen und Anfeuern. An unserem letzten Tag fahren wir nach Itarema und lassen in einer Waschstraße den Amarok aufbereiten, weil der doch sichtlich gelitten hat in den letzten Wochen. Innerhalb von zwei Stunden wird das komplette Auto von innen und außen auf Vordermann gebracht und sogar gewachst. Endpreis 50 Reais (ca. 12 EUR), was für ein unfassbarer Preis. Die Rückfahrt nach Cumbuco (Ilha do Guajiru – Cumbuco, 200 Km) verläuft reibungslos und nach 32 gemeinsamen Tagen rollen wir etwas wehmütig in den Innenhof vom Bada Hostel. Als der Motor vom Amarok abgestellt ist, tut sich unter dem Auto sprichwörtlich der Boden auf und das komplette linke Vorderrad verschwindet in einem riesigen Loch.

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Dank Allrad Antrieb gelingt es Avi, das Auto rückwärts heraus zu manövrieren und wir begutachten die Ursache. Der Rasen über der Sickergrube hat dem Gewicht unseres Autos nicht standgehalten und nachgegeben. Allmählich wird uns das alles ein bisschen zu abenteuerlich und wir sind froh, als wir unseren geländetauglichen Begleiter am nächsten Morgen wieder zurück geben können.

In Cumbuco genießen wir nochmal unser absolutes Lieblings-Acai und wollen gar nicht wahrhaben, dass wir Abschied nehmen müssen. Für uns vier war diese gemeinsame Tour ein riesengroßes Abenteuer mit fantastischen Kite Sessions, unglaublich viel Spaß und der ein oder anderen Herausforderung. Wir haben diese Zeit zusammen so sehr genossen, am liebsten würden wir einfach weiter machen. In den sieben Monaten, die ich inzwischen unterwegs bin, waren das die vier schönsten Wochen und ich bin dankbar und glücklich über diese unvergessliche Kite-Safari mit Alon, Aviram und Jamie, die ich in dieser kurzen Zeit ganz fest in mein Herz geschlossen habe.

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