Rückkehr nach Dakhla – ein bisschen wie heimkommen

Meine Weiterreise nach Marokko bestreite ich am 9. November 2018 mit Binter Airlines, einer kleinen spanischen Fluggesellschaft. Trotz mehrerer Versuche konnte ich mein Sportgepäck im Vorfeld nicht anmelden und fahre mit gemischten Gefühlen zum Flughafen in Espargos auf Sal. Bereits 2,5 Stunden vor Abflug reihe ich mich in die Schlange am Check-In Schalter, um möglichst frühzeitig an der Reihe zu sein und damit meine Chancen zu erhöhen, das große Gepäck problemlos durch den Check-In zu bekommen. Als ich an der Reihe bin, gerate ich an einen sehr freundlichen Mitarbeiter, der mich auch sofort auffordert, meine große Tasche aufs Gepäckband zu legen. Sie wiegt sogar 33 Kg und mir wird ganz mulmig. Nach einigen Minuten, in denen der Airline Mitarbeiter in seinen Computer vertieft ist, informiert er mich, dass ich 60 EUR für das Übergepäck bezahlen muss. Innerlich jubelnd reiche ich mit unbeeindruckter Miene meine Kreditkarte über den Tresen und bin so erleichtert, ich hätte mit deutlich mehr gerechnet oder dass das große Gepäck womöglich komplett abgelehnt wird, weil ich Tage zuvor beim Airline Callcenter auf jede Menge widersprüchliche Aussagen zum Thema Sportgepäck gestoßen bin. Letztendlich läuft alles problemlos ab, ich bringe anschließend mein Kitegepäck zum separaten Aufgabeschalter für übergroße Gepäckstücke und schlendere dann freudestrahlend zum Abfluggate.

Flughafen in Espargos, Sal

Von Sal fliege ich in gut 3 Stunden bis auf die kanarische Insel Gran Canaria, wo ich leider einen langen Aufenthalt von 18 Stunden habe. Glücklicherweise wurde mein Gepäck direkt bis nach Marokko durchgecheckt, sodass ich mich am Flughafen in Las Palmas um gar nichts kümmern muss. Da ich 17 Uhr am Nachmittag lande und nicht die ganze Nacht am Flughafen verbringen möchte, habe ich im kleinen Örtchen Pozo Izquierdo für eine Nacht ein Bett im CA‘ ARTÚ Guesthouse gebucht. Mit einem Bus fahre ich ca. 15 Minuten Richtung Süden bis zum riesigen Einkaufszentrum Centro Comercial Atlántico. Michaela, die das Guesthouse führt, holt mich dort mit dem Auto ab und gegen 19.30 Uhr bekomme ich ein gemütliches Bett zugewiesen und bin froh über meine Entscheidung, die Nacht nicht im Wartebereich auf dem Flughafen zu verbringen. Michaela und ihr Mann Giangiacomo stammen aus Italien, sind aber vor etwa einem Jahr mit ihrer Tochter nach Gran Canaria ausgewandert, um hier ein Gästehaus zu eröffnen. Es ist noch kein Schild am Eingang, gefühlt betrete ich ein ganz normales Wohnhaus. Im Erdgeschoss befinden sich zwei Schlafsäle mit Stockbetten und zwei Familienzimmer, eine kleine Rezeption, eine große komplett ausgestattete Küche, sogar mit Geschirrspüler und zwei große Badezimmer, alles liebevoll eingerichtet, perfekt durchdacht und blitzsauber, ich bin total positiv überrascht. Da habe ich auf meiner Reise ganz andere Gästehäuser und Hostels gesehen, die auch nach jahrelanger Erfahrung nicht diesen Standard bieten.

Mehrbettzimmer im CA‘ ARTÙ Guesthouse von Michaela und Giangiacomo

Am Abend leiste ich Michaela und ihrer Tochter beim Abendessen Gesellschaft und sie erzählt mir viel über ihren Traum vom eigenen Gästehaus und wie die junge Familie das alles in die Tat umgesetzt hat und ihr altes Leben in Italien komplett hinter sich gelassen hat. Ich bin beeindruckt und freue mich über diese tolle Begegnung auf meiner Reise. Nach einer erholsamen Nacht laufe ich am Morgen eine ganze Weile am Strand entlang, der sich in unmittelbarer Nähe vom Gästehaus befindet. Der international bekannte Windsurf Spot Pozo Izquierdo ist nur einen Steinwurf entfernt, hier werden jährlich Weltmeisterschaften im Windsurfen ausgetragen.

Windsurfspot in Pozo Izquierdo, Gran Canaria

Nach dem Frühstück bringt mich Michaela wieder zum Bus, mit dem ich zurück zum Airport in Las Palmas gelange. Mit etwas Verspätung startet mein Anschlussflug Richtung Dakhla im südlichen Teil der Westsahara. Es ist nur eine ganz kleine Maschine, wir sind nur ungefähr 20 Fluggäste und ich die einzige Europäerin im Flieger. In gerade Mal einer guten Stunde fliegen wir bis nach Dakhla und als wir auf der Landebahn aufsetzen, überkommt mich große Vorfreude, weil ich zum ersten Mal auf meiner Reise an einen Ort komme, an dem ich bereits gewesen bin. Im August 2016 habe ich in Dakhla das Kitesurfen gelernt und wollte seither hierher zurückkehren. Die riesige Lagune am Atlantik inmitten der Sahara ist ein weltweit bekannter und beliebter Flachwasser Kitespot, der mit einer Windwahrscheinlichkeit von 300 Tagen und stets warmen Temperaturen ganzjährig Kitesurfer nach Marokko lockt. Bereits zu wissen, was mich die nächsten drei Wochen erwarten wird, fühlt sich irgendwie ein bisschen an, wie nach Hause zu kommen.

Ausblick auf die Lagune in Dakhla

Ein bisschen nervös betrete ich den Wartebereich zur Gepäck Abholung und hoffe, mein Kitegepäck ist nach den 18 Stunden Aufenthalt in Gran Canaria nicht dort liegen geblieben, sondern gemeinsam mit mir nach Marokko gekommen. Es ist das letzte Gepäckstück, was auf dem Förderband landet und glücklich vereint verlassen wir den Flughafen in Dakhla und warten darauf, abgeholt zu werden.

Am Flughafen in Dakhla

Am 10. November 2018 komme ich gegen 15.30 Uhr im Kite Camp Dakhla Spirit an, wo ich bereits vor gut zwei Jahren meinen allerersten Kiteurlaub verbracht habe. Für die nächsten drei Wochen bin ich unmittelbar am Kitespot untergebracht, habe Vollpension, eine große Lagerbox für mein Kite Equipment und alle Annehmlichkeiten des Kite Centers direkt vor Ort, ein richtiger Luxus!

Kite Center im Camp Dakhla Spirit

Dakhla Spirit war in der vergangenen Woche Austragungsort der World Kiteboarding Championships im Freestyle und ich komme gerade noch rechtzeitig fürs Finale in Dakhla an. Ich stelle mein Gepäck an der Rezeption ab und geselle mich zu den Zuschauern am Strand, um zumindest noch das Finale anschauen zu können. Bei den Frauen gewinnt die gerade mal 14-jährige Brasilianerin Mikaili Sol und bei den Männern der 20-jährige Brasilianer Carlos Mario, beide hatte ich bereits in Cabarete in der Dominikanischen Republik und auch in Brasilien auf dem Wasser in Aktion erleben dürfen und es ist fantastisch, Ihnen zuzuschauen.

Finale der World Kiteboarding Championships in Dakhla

Am Abend sitze ich gemeinsam mit allen Athleten beim Dinner, das Camp ist durch den Wettkampf komplett ausgebucht. Ich verbringe meine erste Nacht in einem der Zelte, weil alle Bungalows belegt sind. Im August 2016 hatte ich für meinen gesamten Urlaub ein Zelt für die Übernachtung gebucht, wollte dieses Mal aber gern in einem Bungalow wohnen, weil das bei drei Wochen Aufenthalt doch etwas komfortabler ist. In der Nacht wird es richtig kalt. Nach vielen Monaten in Ländern, wo auch nachts die Temperatur nicht unter 25 Grad sinkt, ist das super ungewohnt für mich und ich genieße am nächsten Morgen die warmen Strahlen der aufgehenden Sonne.

Sonnenaufgang über der Lagune in Dakhla

Im Laufe des Tages ziehe ich in einen Bungalow mit eigenem Badezimmer um und nach 3,5 Monaten in Hostels und Mehrbettzimmern genieße ich meine ganz private Unterbringung in vollen Zügen. Am Nachmittag zieht es mich für eine erste Kite Session aufs Wasser, allerdings ist der Wind sehr leicht und so richtig viel Spaß macht es nicht. Auf dem Wasser schaue ich mich rund um die Lagune etwas um und entdecke mehrere neue Kite Camps und Hotelanlagen, die innerhalb der letzten zwei Jahre hier entstanden sind. Ich vermute, da werden auch in den nächsten Jahren noch einige hinzu kommen.

die gegenüberliegende Seite der Lagune mit den Camps KBC Dakhla und Dakhla Attitude

Am nächsten Morgen sitze ich plötzlich ganz allein beim Frühstück. Alle Athleten und das Organisations-Komitee vom Worldcup sind abgereist und es sind noch keine neuen Gäste angekommen. Das Camp ist wie leer gefegt, außer mir sind nur eine Hand voll Angestellte vor Ort. Der Wind ist leider noch schwächer als am Vortag und so verbringe ich den Tag mit langen Strandspaziergängen und Relaxen in der Sonne. In der Nacht reisen Dominik aus München und das Pärchen Ina und Hauke aus Hamburg an. Auch die Drei sind über die dünne Belegung im Dakhla Spirit überrascht, wir sind zum Glück alle vier auf einer Wellenlänge und freuen uns auf die kommenden gemeinsamen Tage.

Von links: Dominik, Ina & Hauke

Zum ersten Mal zeigt sich Dakhla von seiner windigen Seite und bei um die 20 Knoten bin ich insgesamt vier Mal auf dem Wasser und genieße die Kite Sessions in vollen Zügen. Ina und Hauke haben beide erst mit dem Kitesurfen begonnen und nehmen am Vormittag nochmal Kitestunden bei Samy, der im Kitecenter einer von zwei Kitelehrern ist. Ich freue mich, den beiden am Strand und auf dem Wasser auch ein bisschen helfen zu können und am Nachmittag sind wir vier gemeinsam auf dem Wasser unterwegs und haben unendlich viel Platz auf der Lagune.

Endlich wieder auf dem Wasser in Dakhla

Ein bisschen betrübt checken wir die Windvorhersage für die nächsten Tage in Dakhla und leider sieht es nicht besonders rosig aus. Ich bin ganz schön enttäuscht, weil ich mich so sehr aufs Kiten in Dakhla gefreut habe und mehrere windfreie Tage am Stück hier absolut ungewöhnlich sind. Doch kam ich in den vergangenen Monaten durchaus voll auf meine Kosten und habe noch knapp drei Monate vor mir, deshalb versuche ich es gelassen zu sehen, finde es aber unheimlich schade für Dominik, Ina und Hauke, die nur einige Tage hier sind und natürlich auf mehrere Tage auf dem Wasser gehofft hatten. Weil alles Trübsal blasen den Wind auch nicht herbei zaubern kann, nehmen wir in den folgenden Tagen ein „No-wind-Programm“ in Angriff.

Die Crew vom Dakhla Spirit schlägt einen Bootsausflug nach Dragon Island vor, eine felsige Insel inmitten der Lagune, die von Weitem betrachtet wie ein Drachen aussieht. Eine geschlagene Stunde verweilen wir auf dem Motorboot, was sich nicht so recht in Gang setzen lässt. Auch das Austauschen der Batterie erfüllt nicht die gewünschte Wirkung. Uns knurrt der Magen, uns ist kalt und der etwas aufgefrischte Wind lässt auf eine kleine Nachmittags-Kite-Session hoffen. Also waten wir durchs knietiefe Wasser zurück zum Strand, bauen unser Kite Equipment auf und wagen uns bei Leichtwind auf die Lagune. Nur mit viel Mühe gelingt es mir gerade so viel Höhe zu halten, dass ich noch im stehtiefen Bereich lande und zurück laufen kann, das war nicht besonders aufregend. Ina und Hauke müssen sogar vom Boot zurückgeholt werden, trotzdem sind wir froh über ein paar Minuten auf dem Wasser und lassen uns davon nicht den Spaß verderben.

geplanter Bootstrip nach Dragon Island mit Ina, Dominik und Hauke (von links)

Am nächsten Tag gibt es einen neuen Anlauf nach Dragon Island. Das Boot ist repariert, das Mittagessen eingepackt und schon geht’s los. Die zwei Däninnen Sissel und Manja begleiten uns. Sie sind zu zweit mit ihrem Campervan von Dänemark bis nach Marokko gefahren, stehen für einige Wochen auf dem nahe gelegenen Campingplatz und freuen sich ebenfalls über etwas Abwechslung. Die Fahrt nach Dragon Island dauert nur ungefähr 15 Minuten, unterwegs beobachten wir sogar Flamingos. Wir verbringen den ganzen Nachmittag dort, genießen unser Barbecue, gehen schwimmen und erklimmen den höchsten Punkt der Insel mit einem großartigen Ausblick über die ganze Lagune. Ich kannte die Insel bereits, weil ich im August 2016 bei Ebbe einmal zu Fuß dorthin gelaufen bin. Gemeinsam mit den anderen hier den Tag zu verbringen, ist ein tolles Erlebnis und definitiv schöner als allein.

Im Hintergrund Dragon Island

Ina, Hauke, Dominik und ich schnüren die Laufschuhe und machen uns auf eine außergewöhnliche Laufrunde quer durch die Wüste. Durch Sand joggen ist neu für mich, davor habe ich bisher immer ein bisschen zurückgeschreckt und mir für meine Laufrunden festen Untergrund gesucht. Aber bekanntlich gibt es ja für alles ein erstes Mal. Wir laufen vom Camp Dakhla Spirit Richtung Westen bis wir nach knapp 3 Kilometern an den Atlantik gelangen. Hier befindet sich der sogenannte Pointe de l’Or, einer von mehreren Spots zum Wellenreiten in Dakhla. Von einem großen Felsen kann man den herrlichen Spot fantastisch überblicken und wir beschließen, am nächsten Tag mit Surfbrettern hier her zurück zu kommen.

Surfspot Pointe de l’Or

Wir laufen einige Zeit direkt am Strand entlang und dann wieder quer durch die Wüste zurück zum Camp. Nach knapp zwei Stunden sind wir zurück, springen zum Erfrischen in die Lagune und lassen uns dann das späte Frühstück so richtig schmecken. Am Nachmittag erzähle ich den anderen davon, dass ich bei meinem ersten Besuch in Dakhla drei Mal auf die andere Seite der Lagune geschwommen bin und dass das bei Ebbe eine ganz nette „No-Wind-Alternative“ ist. Ina und Hauke lassen sich sofort dafür begeistern, wir schnappen uns dazu noch ein Stand Up Paddle Board, schlüpfen in die Neoprenanzüge und meistern zu dritt schwimmend und paddelnd problemlos die ca. 650 Meter bis hinüber auf die andere Seite der Lagune. Wir stranden direkt vor dem neu eröffneten Kite Boarding Club und lassen es uns nicht nehmen, die tolle Anlage ein bisschen zu erkunden, die ca. 40 Bungalows, ein großes Restaurant, einen riesigen Pool und ein erstklassiges Kitecenter zu bieten hat. Nach einer Weile machen wir uns auf den Rückweg und beenden den Tag zufrieden mit einigen gelaufenen Kilometern, einer klasse Schwimmeinheit und viel Hoffnung, dass in den nächsten Tagen doch noch ein bisschen Wind zum Kiten kommen wird …

 

1 Kommentar zu „Rückkehr nach Dakhla – ein bisschen wie heimkommen

  1. Mein Gott, Romy, siehst Du toll entspannt und glücklich aus. Danke für das Update, so langsam kommst Du uns ja wieder näher…. Ganz liebe Grüße an Dich, Britta

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