Es gibt doch noch Wind in der Westsahara

Am achten Tag in Dakhla bewegt sich leider wieder Mal kein Blatt und wir machen uns wie geplant mit Surfbrettern auf den Weg zum Surfspot Pointe de l’Or, um wenigstens beim Wellenreiten ein bisschen Energie zu verbrennen. Erstmal geht es zu Fuß mit den Surfbrettern durch die Wüste, bis wir nach einer guten halben Stunde am Spot ankommen. Hauke ist erfahrener als Ina, Dominik und ich und stürzt sich mit einem kleineren Brett in die großen Wellen. Wir sind da etwas vorsichtiger, bleiben mehr in Strandnähe und probieren uns mit Longboards in den kleineren Weißwasserwellen. Der Spot, den wir am Vortag schon bei unserer Laufrunde durch die Wüste erkundet hatten, ist wunderschön und wir genießen es, am Meer zu sein. Vom vielen Paddeln sind wir irgendwann müde, relaxen noch ein bisschen in der Sonne und machen uns dann auf den Rückweg nach Dakhla Spirit.

Surfspot in Pointe de l’Or

Am Nachmittag fahren wir mit dem Taxi nach Dakhla, mit dabei sind nun auch der Engländer Fozzie und Tobias aus Deutschland, die beide neu angereist sind. Wir verbringen den frühen Abend im Ortszentrum von Dakhla, bummeln über den Markt, genießen den Ausblick und leckere Avocado Shakes in einem tollen Café direkt am Meer und probieren an einem der Straßenstände sogar Kamelfleisch, was auf langen Spießen über einem Grill zubereitet und im Fladenbrot zusammen mit Zwiebeln gegessen wird, absolut lecker!

Kamelfleisch Burger in Dakhla

Da das Kite Center im Camp Dakhla Spirit an windfreien Tagen auch Surftrips organisiert, entscheiden wir uns am nächsten Tag dafür. Wir sind zu viert, Ina & Hauke, Tobias und ich. Die Surfbretter werden in einem zweiten Auto transportiert und zusätzlich zu den beiden Fahrern begleiten uns noch zwei Mitarbeiter vom Camp. Zunächst fahren wir bis nach Dakhla und dort an den Surfspot „Oum Lamboiur“ (Westpoint). Schon von weitem sehen wir die meterhohen Wellen. Am Strand angekommen, laufen wir einige Zeit am Spot auf und ab und entscheiden uns gegen einen Versuch, die Wellen sind einfach zu hoch und die Strömung ist zu stark, es ist auch sonst niemand im Wasser. Leider können alle vier Camp Mitarbeiter, die uns begleiten, kein englisch und surfen kann auch keiner, sodass sie uns überhaupt keine Hilfe sind und wir ziemlich enttäuscht ins Auto steigen, um uns auf den Rückweg zumachen. Hauke gibt sich damit zum Glück nicht zufrieden und auf sein Drängen hin, fahren wir noch weiter Richtung Süden, um einen anderen Spot zu erkunden. Wir landen letztendlich in „Lassarga“, wo sich direkt am Spot ein ION Surf Club befindet. Die Wellen sind deutlich kleiner, es sind auch einige Surfer im Wasser. So kommen wir also doch noch zu unserer geplanten Surf Session, genießen den super schönen Spot und machen uns erst am späten Nachmittag auf den Rückweg zum Camp.

mit Ina am Surfspot in Lassarga

Ina & Hauke reisen nach einer Woche ab, sind natürlich super enttäuscht, dass sie nur kurz zum Kiten gekommen sind, haben aber zumindest noch eine Woche in Marokko vor sich und planen eine Tour durchs Atlasgebirge. Dominik, Tobias und ich machen uns mit den Stand Up Paddle Boards auf den Weg zur anderen Seite der Lagune und statten dem Kite Boarding Club einen Besuch ab. Die Verlockung ist zu groß und wir springen sogar in den großen Pool, bevor wir an der tollen Bar einen leckeren Fruchtcocktail bestellen. Auf dem Rückweg taucht ca. 50 Meter vor uns ein Delphin auf, den wir für eine Zeit lang immer wieder kurz sehen. Bei meinem ersten Besuch in Dakhla vor gut zwei Jahren hatte ich leider kein Glück und habe keine Delphine sehen können. Dieses Mal zeigen sie sich häufiger und es ist fantastisch, die Tiere beobachten zu können.

Stand Up Paddle Tour in Dakhla

Am Nachmittag geht zumindest ein leichter Wind und wir wagen uns mit den Kites aufs Wasser. Dominik und Tobias leihen vom Kite Center einen 15 m² Schirm, ich versuche mich mit dem 14er von Fozzie. Ein bisschen kommen wir alle ins Fahren, aber so richtig glücklich sind wir mit der Ausbeute nicht. So viele Tage am Stück ohne Wind, das ist für Dakhla absolut ungewöhnlich und damit hätte keiner von uns gerechnet. Zur Gruppe stößt noch Emma aus England hinzu, die glücklicherweise mit zwei Softkites und ihrem Hydrofoil Board angereist ist und damit auch bei Leichtwind prima kiten kann. Zumindest sie kommt auf ihre Kosten und wir begnügen uns ein bisschen mit Zuschauen.

Ein paar Tage geht es so dahin. Sobald ein wenig Wind auffrischt, versuche ich mich mit dem 12er, aber meistens reicht es gerade so zum Fahren und auch dann ist es harte Arbeit, den Kite überhaupt in der Luft zu halten. Auch Tobias, Dominik und Fozzie reisen etwas enttäuscht wieder ab und sind froh, dass wir im Camp zumindest eine lustige Truppe waren und uns die Zeit auch ohne Wind ganz gut vertrieben haben. Emma und ich bleiben zunächst allein im Camp zurück, doch am Abend reist eine 12-köpfige gemischt Gruppe aus Deutschen, Engländern und Franzosen an, die unter der organisatorischen Leitung von Tanja & Carol von Essaouira einen Roadtrip bis nach Dakhla gemacht haben und auf der Strecke an vielen Wellenspot halt gemacht haben, um im Atlantik zu surfen. Plötzlich ist wieder Leben im Camp und wir sind hoffnungsvoll, weil für die nächsten Tage die Windvorhersage recht vielversprechend aussieht.

Tatsächlich folgen nun endlich einige windige Tage und gemeinsam mit Emma genieße ich lange Sessions auf der Lagune in Dakhla. Emma zeigt mir außerdem den sogenannten „Speedspot“, wo durch ablandigen Wind bei Ebbe das Wasser super flach ist und sich perfekt zum Freestylen eignet. Als wir am Spot ankommen, ist der Wasserstand noch zu hoch und das Wasser daher leicht wellig, ich nehme mir vor, bei Ebbe nochmal zurück zu kommen. Die große Reisegruppe um Tanja & Carol plant einen Tagestrip zur berühmten „White Dune“, einer großen weißen Sanddüne inmitten der Lagune, wo man bei starkem Wind und Flachwasser super kitesurfen kann. Emma und ich nutzen die Gelegenheit und machen zu zweit einen Downwinder zur „White Dune“. Vom Camp Dakhla Spirit kiten wir 15 Kilometer bis zur White Dune, es macht unheimlich viel Spaß und ich bin so gespannt auf den magischen Kitespot, von dem ich schon so viel gehört habe. Als wir ankommen, ist Tanja & Carol’s Gruppe schon vor Ort, die mit ihren Pick-ups bis hierher gefahren sind. Der Anblick der großen schneeweißen Düne ist fantastisch und mit unseren Kites in der Luft erklimmen wir die Düne und genießen erst einmal den großartigen Ausblick. Emma erzählt mir, dass sie bei einem ihrer letzten Besuche in Dakhla mit ihrem Kite von der Düne ins Wasser gesprungen ist. Ich bin ein bisschen ängstlich und versuche das Ganze erstmal ohne Board und nur von halber Höhe, nicht von ganz oben. Als ich ein bisschen Mut gefasst habe, versuche ich es ein paar Mal auch mit dem Kiteboard und Emma steht nur wenige Meter von mir entfernt mit der GoPro. Natürlich kommt es, wie es kommen muss und bei einem missglückten Versuch landet mein Kite in Emma’s Leinen, wir müssen beide das Sicherheitssystem auslösen und anschließend unsere Kites aus dem Wasser fischen und ein endloses Leinengewirr auseinander fummeln. Was für ein Blödsinn und wir zwei müssen am Ende doch darüber lachen und sind froh, dass nichts weiter passiert ist.

auf der berühmten „White Dune“

Der Wind an der White Dune ist viel stärker als im nördlichen Teil der Lagune, wo sich Dakhla Spirit befindet. Zum Glück liegt in einem der Autos mein kleinerer Kite und ich kann vom 12er auf den 8er wechseln. Auch viele andere Gruppen sind zur White Dune gekommen und es herrscht buntes Treiben auf dem Wasser. Es macht Spaß, nach einiger Zeit wieder in richtig starkem Wind zu kiten und erst zum Sonnenuntergang machen wir uns zusammen mit den anderen im Auto auf den Rückweg nach Dakhla Spirit.

an der White Dune

Ich bin traurig, als auch Emma’s Urlaub zu Ende geht und sie abreisen muss. Gemeinsam mit ihr zu kiten und auch von ihr zu lernen, war großartig. Sie kitet bereits seit vielen Jahren, hat sogar schon erfolgreich an Freestyle Wettkämpfen teilgenommen. Mit ihrer Hilfe lande ich meine ersten Frontroll Transitions mit Grab und probiere auch zum allerersten Mal ein Hydrofoil Board aus. Emma wird 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris für England im Kitesurfen antreten. Es war unheimlich spannend, darüber mehr von ihr zu erfahren und ich werde ihren Werdegang und die Teilnahme definitiv aufmerksam verfolgen.

Eine von vielen tollen Kite Sessions mit Emma

In meinen letzten Tagen in Dakhla nutze ich die windfreien Stunden zum Relaxen und zur Internetrecherche über Kapstadt, wo es als nächstes hingehen wird. Sobald der Wind ausreicht, nutze ich die Zeit zum Kiten und bin glücklich, dass ich doch noch zu einigen richtig tollen Sessions in Dakhla komme. Natürlich mache ich mich auch nochmal auf den Weg zum Speedspot und genieße eine der besten Kite Sessions meiner ganzen Reise. Bei Ebbe ist das Wasser einfach perfekt flach, der Wind ist perfekt für meinen 12er Kite und außer mir sind sonst nur zwei andere Kiter vor Ort. Der Ausblick auf Dragon Island ist wunderschön und soweit das Auge reicht, gibt es nichts anderes als Wasser und Sand, einfach gigantisch. Nach einer ganzen Weile sitze ich für eine kurze Pause am Ufer und plötzlich tauchen in der Nähe gleich mehrere Delphine auf. Ich beobachte sie lange, sehe sogar zum allerersten Mal überhaupt, wie sie hohe Sprünge machen und regelrecht herum toben. Ich kann mein Glück kaum fassen und sitze lange Zeit gebannt und freudestrahlend am Ufer, warte darauf bis ich die Tiere wieder auftauchen sehe und genieße das Schauspiel in vollen Zügen.

am Speedspot in Dakhla

Der Großteil der gemischten Reisegruppe reist nun auch ab, Tanja & Carol bleiben aber noch im Dakhla Spirit, weil sie in den kommenden Tagen ein Girls Surf & Kite Camp zusammen mit Agata Dobrzynska durchführen. Tanja bietet mir an, dass ich ein paar Advanced Kitestunden bei Agata nehmen kann und die Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen. Schon seit einiger Zeit wollte ich mich gern an sogenannten „unhooked“ (ausgehakte) Tricks probieren. Die Verbindung zum Kite besteht darin, dass ich die Bar (Lenkstange) am Trapez, welches ich um meine Taille trage, einhänge. Der Zug vom Kite überträgt sich dadurch quasi auf meinen Körper. Wer nicht kitet, denkt oft, dass Kitesurfer den Kite nur mit ihren Händen halten, so wie beim Wakeboarden, wo man in der Tat nur den Griff der Zugleine in der Hand hält und keinerlei Verbindung zum Körper besteht. Beim Kitesurfen lenken die Hände lediglich den Kite und halten ihn nicht fest. Bei sogenannten „unhooked“(ausgehakte) Tricks, löst man diese Verbindung zwischen Trapez und Bar unmittelbar vor dem Trick und dann besteht während des Tricks tatsächlich keine Verbindung zwischen dem Körper und dem Kite. Solche Sprünge sind deutlich kraftvoller als eingehakte Tricks und eröffnen erfahrenen Kitesurfern im Freestyle deutlich mehr Möglichkeiten. Bei Wettkämpfen im Freestyle wird zwischen „Old School“ Tricks, die mit eingehakter Bar ausgeführt und „New School“ Tricks, die mit ausgehakter Bar ausgeführt werden, unterschieden. „Unhooked“ Tricks sind schwieriger zu lernen und das Verletzungspotential ist größer. Mit Hilfe von Agata versuche ich mich zum ersten Mal an einer ausgehakten Backroll, die der einfachste „unhooked“ Trick ist. Die Stürze sind schmerzhaft und nach einigen Versuchen brauche ich eine Pause, aber letztendlich lande ich in Dakhla meine ersten „unhooked“ Backrolls und bin ganz stolz über diesen Fortschritt.

An meinem letzten Tag in Dakhla bin ich am Vormittag die einzige Kiterin auf der gesamten Lagune. Am Ufer war ich selbst noch unsicher, ob sich ein Versuch überhaupt lohnt, aber auf dem Wasser ist der Wind perfekt für meinen 12er und ich verabschiede mich von Dakhla mit einer meiner schönsten Sessions und weiß ganz genau, dass ich wiederkommen werde.

Meine letzte Kite Session in Dakhla

Die riesige Lagune zählt zu meinen absoluten Lieblingsspots und glücklicherweise kam ich dieses Mal auch in den Genuss des Speedspots und der White Dune. Trotz der wenigen Windtage habe ich meine drei Wochen in Dakhla genossen. Vermutlich werde ich beim nächsten Besuch aber ein anderes Camp wählen. Dakhla Spirit hat meiner Meinung nach mit die beste Lage am Spot, aber ich war dieses Mal sehr enttäuscht, weil viele Dinge im Camp nicht in Ordnung waren. Ich habe mich dagegen entschieden, in meinem Blog über die Mängel etc. zu schreiben, weil es dafür andere Plattformen gibt, die ich auch nutzen werde. Dennoch sollte gesagt sein, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis bei meinem Besuch nicht gestimmt hat und ich mich daher zukünftig anders entscheiden würde.

Am 1. Dezember 2018 verabschiede ich mich von Dakhla und steige um 5.30 Uhr morgens ins Taxi zum Flughafen, mit der Aussicht auf über 30 Stunden Reise bis nach Kapstadt in Südafrika. 

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